Raum der Zeit
Die Tore der Vergangenheit öffnen sich. Wir betreten den Raum der Zeit und begeben uns auf eine Reise durch Jahrtausende Tiroler Geschichte. Vom Mann aus dem Eis bis ins Heute spannt sich der Bogen menschlicher Entwicklung, Erfindungskraft und Identität. Wir begegnen Ötzi, dem Zeugen aus der Kupferzeit, tauchen ein in die Ära von Kaiser Maximilian I., erleben den „Mythos Andreas Hofer“ und sehen die Spuren zweier Weltkriege. Der Bau der Brennerautobahn steht sinnbildlich für den Weg in die Moderne.
Dieser Raum macht sichtbar, wie sich Tirol durch die Zeiten formte, geprägt von Naturgewalten, Konflikten, Glauben und unerschütterlichem Willen. Geschichte wird hier lebendig, spürbar und nah.

Ötzi – Der Mann aus dem Eis
Ötzi ist die älteste natürlich erhaltene Menschenmumie Europas. Sein Körper wurde am 19. September 1991 in einer Felsmulde am 3.210 Meter hohen Tisenjoch in den Ötztaler Alpen freigelegt, nachdem ein außergewöhnlich warmer Sommer das Gletschereis abtauen ließ.
Die Fundstelle liegt knapp auf italienischem Gebiet. Die deutschen Wanderer Erika und Helmut Simon gelten als Entdecker und erhielten 2010 nach langen Prozessen 175.000 € Finderlohn. Radiokarbondaten datieren seinen Tod auf 3368 bis 3108 v. Chr. Heute lagert der Mann bei minus 6 °C und 99 % Luftfeuchte im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen.
Der rund 1,60 Meter große, zu Lebzeiten etwa 50 kg schwere Mann starb mit ungefähr 45 Jahren. Sein gefriergetrockneter Körper wiegt nur noch 13 kg. Er trägt 61 Rußtätowierungen, teils an Akupunkturpunkten. Diagnostiziert wurden Bandscheibenverschleiß, Arthrose, starke Zahnerosion, Karies, Parodontitis, Gallensteine und ausgeprägte Arteriosklerose. Forscher fanden Helicobacter pylori im Magen und Borrelia‑DNA im Genom. Er war laktose‑intolerant und hatte Blutgruppe 0.
Als Todesursache gilt ein Pfeilschuss von schräg unten in die linke Schulter, der das Schulterblatt durchschlug und die Schlüsselbeinarterie verletzte. Kurz darauf kam ein schweres Schädeltrauma hinzu. Schnittverletzungen an Händen und Armen deuten auf einen Nahkampf hin, der etwa einen Tag zuvor stattgefunden haben dürfte. Wahrscheinlich starb er oberhalb der Fundmulde und rutschte später in die Vertiefung, wo Gefriertrocknung den Körper konservierte.
Pollen sowie Fleisch‑ und Getreidereste aus Magen und Darm zeigen, dass Ötzi in seinen letzten 48 Stunden mehrmals zwischen Tal und Baumgrenze unterwegs war. Kurz vor dem Tod aß er Steinbockfleisch, Einkorn und Farn und stieg erneut Richtung Pass auf. Seine Ausrüstung belegt alpine Routine: Ziegenfellmantel, Grasumhang, Fellmütze, Bärenleder‑Schuhe mit Heu‑Isolierung, „Leggings“, Kupferbeil mit Eschenstiel, unvollendeter Eibenbogen, Köcher mit 14 Pfeilen (zwei einsatzbereit), Feuerstein‑Dolch, Rückentrage, Birkenporling gegen Parasiten und Birkenrindendosen mit Glut.
Genetische Analysen aus dem Jahr 2023 weisen auf 91 % anatolische Bauern- und 9 % westliche Jäger‑Sammler‑Vorfahren hin. Er war wohl glatzköpfig und hatte eine relativ dunkle Haut. Der Fund liefert einzigartige Einblicke in Alltag, Gesundheit und Mobilität der Kupferzeit – ein nüchterner Beleg dafür, wie widerstandsfähig, aber auch verletzlich Menschen vor 5.300 Jahren waren.
Kaiser Maximilian
Maximilian I. wurde am 22. März 1459 in Wiener Neustadt geboren und starb am 12. Januar 1519 in Wels. Durch die Heirat mit Maria von Burgund (1477) fiel ihm ein enormes niederländisch‑burgundisches Erbe zu, ein Auslöser für die dauerhafte Rivalität mit Frankreich. 1486 wählten ihn die Kurfürsten zum römisch‑deutschen König. 1493 trat er die Nachfolge Friedrichs III. in den Erblanden an. 1508 nahm er ohne Papstkrönung den Titel „Erwählter Römischer Kaiser“ an.
Auf dem Reichstag von Worms 1495 setzte Maximilian die zentralen Elemente der Reichsreform durch: Reichskammergericht, Gemeiner Pfennig und Reichskreise. Damit schuf er dauerhafte Institutionen, blieb jedoch chronisch unterfinanziert und auf die Kredite der Fugger und anderer Augsburger Handelshäuser angewiesen.
Außenpolitisch kämpfte er an vielen Fronten: Er verteidigte das burgundische Erbe gegen Frankreich (Sieg bei Guinegate 1479), focht im Schwäbischen Krieg 1499 gegen die Eidgenossen, rang mit Venedig um Tiroler Vorlande und mischte in den Italienkriegen um Mailand und Neapel mit. Seine Heiratspolitik mit dem Motto „Tu felix Austria nube“ verband Spanien (Philipp & Johanna 1496) und sicherte Böhmen wie Ungarn durch die 1521 vollzogene Doppelhochzeit seiner Enkel Ferdinand und Maria mit den Jagellonen‑Kindern. So entstand der habsburgische Vielkronenstaat.
Gleichzeitig inszenierte sich Maximilian als „letzter Ritter“. Turniersiege, prunkvolle Plattenrüstungen und Propagandawerke wie Weißkunig und Theuerdank (u. a. von Albrecht Dürer) festigten dieses Image. Hinter der ritterlichen Fassade handelte jedoch ein moderner Machtpolitiker, der Buchdruck, Söldnerwesen und eine straffere Verwaltung geschickt einsetzte.
Auf dem Weg von Innsbruck zum Landtag in Linz brach er schwer erkrankt zusammen und starb in Wels. Er ordnete eine strenge Büßerbestattung ohne Einbalsamierung an. Sogar seine Haare und Zähne sollten entfernt werden. Trotz hoher Schulden hinterließ er konsolidierte Erbland, dauerhafte Reichseinrichtungen und dynastische Bündnisse, aus denen unter Karl V. und Ferdinand I. das weltumspannende Habsburgerreich hervorging.
Tiroler Freiheitskämpfe
1805 fiel Tirol nach dem Frieden von Pressburg an das mit Napoleon verbündete Bayern. Höhere Steuern, Teilung des Landes in drei „Flusskreise“, staatliche Eingriffe in kirchliche Bräuche und die 1808 aufgehobene Landesverfassung zerstörten das Vertrauen zum neuen Herrscher. Als bayerische Offiziere im März 1809 Rekruten zwangsweise ausheben wollten, liefen die ersten Bauern davon. Das war der zündende Funke für den Volksaufstand.
Österreich erklärte am 9. April 1809 Frankreich den Krieg. Drei Tage später griffen in ganz Tirol bewaffnete Tal‑ und Schützenkompanien an. Andreas Hofer, Josef Speckbacher und andere Anführer warfen die bayerisch‑französischen Truppen bei Sterzing, Hall und in zwei schweren Schlachten am 11. und12. April bei Innsbruck zurück. Eine 4.600 Mann starke Verstärkung kapitulierte schon am 13. April. Wien entsandte General Chasteler und setzte Joseph von Hormayr als Zivilverwalter ein. Tirol stand vorläufig wieder unter österreichischer Fahne.
Napoleon reagierte sofort: Marschall Lefebvre rückte mit 10.000 Soldaten durch den Pass Strub ein, plünderte Orte wie Schwaz und brannte Dörfer im Unterinntal nieder. Am Bergisel südlich von Innsbruck verteidigte Hofer den Schlüsselpunkt zweimal (25. Mai sowie 12./13. August). Zwischen den Gefechten kam es zu Pogromen gegen die jüdische Minderheit. Ein dunkler Fleck im Tiroler Freiheitsmythos. Nach Österreichs Niederlage bei Wagram akzeptierte Kaiser Franz am 12. Juli den Waffenstillstand von Znaim; Tirol blieb plötzlich ohne Bündnispartner. Die vierte Schlacht am Bergisel am 1. November endete in einem Desaster, Hofer forderte am 8. November zur Aufgabe auf.
Harte Strafen wurden verhängt. Im Pustertal ließ General Broussier dutzende Aufständische erschießen. Nordtirol blieb von Todesurteilen verschont. Hofer versteckte sich im Passeiertal, wurde durch Verrat am 28. Januar 1810 gefasst, vor ein französisches Militärgericht gestellt und am 20. Februar in Mantua erschossen. Seine Gebeine kamen erst 1823 nach Innsbruck. Nach Napoleons Sturz kehrte Tirol 1814 endgültig zu Österreich zurück.
Der Aufstand wird bis heute als Symbol für Widerstandswillen gefeiert, doch er war zugleich von religiösem Eifer, Anti‑Impf‑Propaganda und moralischen Verboten geprägt.
19.‑Jahrhundert‑Historiker glorifizierten Hofer als Volksheld. Heinrich Heine spottete dagegen über „Büchsenschützen für den weißen Rock“. Unterm Strich zeigte 1809, wie schnell eine Region aufstehen kann, wenn traditionelle Rechte bedroht werden und wie brutal die Reaktion einer Großmacht ausfällt, wenn politisches Kalkül jeden Versöhnungsversuch verdrängt.
Andreas Hofer – Mythos und Realität
Andreas Hofer, geboren am 22. November 1767 auf dem Sandhof bei St. Leonhard in Passeier, erschossen am 20. Februar 1810 in Mantua, war Wirt („Sandwirt“), Vieh‑ und Weinhändler sowie der führende Kopf des Tiroler Aufstands von 1809.
Vom Gastwirt zum Rebellen
Nach dem Frieden von Pressburg 1805 kam Tirol unter bayerische Herrschaft. Zwangsrekrutierungen, Steuerdruck und Eingriffe in kirchliche Traditionen schürten Unmut. Als Österreich Frankreich am 9. April 1809 den Krieg erklärte, rief Hofer als Hauptmann der Passeirer Schützen zum Landsturm. Innerhalb weniger Tage vertrieben Bauern‑ und Talkompanien die bayerisch‑französischen
Truppen aus Innsbruck.
Drei Siege am Bergisel, doch kein Durchbruch
Hofer organisierte das Aufgebot, besiegte die Besatzer am Bergisel (12./13. April, 25. Mai, 13. August) und regierte Innsbruck für kurze Zeit als kaiserlicher Statthalter. Österreichs Niederlage bei Wagram und der Waffenstillstand von Znaim ließen die Rebellen aber isoliert zurück. Die vierte Schlacht am 1. November 1809 ging verloren; am 8. November forderte Hofer die Kämpfer zur Kapitulation auf.
Flucht, Verrat, Hinrichtung
Hofer versteckte sich in der Pfandleralm, wurde dort am 28. Januar 1810 für 1500 Gulden verraten, nach Mantua gebracht und von einem französischen Kriegsgericht am 19. Februar zum Tode verurteilt. Tags darauf traf ihn das Erschießungskommando. Ein Luxemburger Soldat gab den Gnadenschuss.
Nachleben und Mythos
Seit 1834 ruhen seine Gebeine in der Hofkirche in Innsbruck. Kaiser Franz I. hatte Hofer schon 1809 in den erblichen Adelsstand erhoben, doch das Patent erreichte ihn nie, die Linie „Hofer von Passeyr“ erlosch 1921. In Tirol gilt Hofer als Volks‑ und Freiheitsheld, gefeiert am 20. Februar und in zahllosen Denkmälern. Kritiker erinnern zugleich an den religiösen Eifer und die Gewalt gegen Andersdenkende, die den Aufstand begleiteten.
Erster und zweiter Weltkrieg
Der Erste und Zweite Weltkrieg hinterließen auch in Tirol tiefe Spuren. Viele Männer wurden an die Front geschickt, Familien auseinandergerissen und ganze Dörfer von Entbehrung geprägt. In den Grenzregionen tobten Kämpfe, während in den Tälern Hunger und Angst den Alltag bestimmten. Danach begann der mühsame Wiederaufbau. Straßen, Brücken, Häuser und Hoffnung mussten neu entstehen. Tirol wandelte sich vom Krisengebiet zur modernen Alpenregion, blieb dabei aber seiner Geschichte bewusst. Erinnerungskultur, Mahnmale und Gedenkstätten halten das Bewusstsein wach, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist.
Bau der Brennerautobahn
Die Brenner Autobahn (A 13) zieht sich über 34,4 km von Innsbruck‑Amras hinauf zum 1.370 m hohen Brennerpass und schließt dort nahtlos an die italienische A 22 an. Als Teil der E 45 war sie nach ihrer Bauzeit von 1960 bis 1971 die erste durchgehende Hochgebirgsautobahn der Alpen. Die Eröffnung der Europabrücke am 17. November 1963 markierte den technischen Durchbruch. Das Trassenprofil verlangt Steigungen bis 6,1 Prozent, weshalb knapp ein Drittel der Strecke auf Viadukten verläuft – neben der 815 m langen und 190 m hohen Europabrücke beeindruckt vor allem die 1.804 Meter lang Luegbrücke. Alle steilen Abschnitte erhielten zusätzliche Kriechspuren, um den Schwerverkehr auszubremsen.
Finanziert wird die A 13 seit 1963 über eine Sondermaut. Die Hauptmautstelle liegt bei Schönberg, Videomautspuren erlauben flüssiges Durchfahren, und die sonst obligatorische Autobahn‑Vignette entfällt. Auf ehemaligem Zollgelände entstand 2009/10 die Kontrollstelle Brenner‑Ost (Kosten 11,17 Mio. €), in der Lkw auf Gewicht, Technik, Sozialvorschriften und Gefahrgut überprüft werden.
Jährlich passieren rund zwei Millionen Lastwagen die Route, mehr als 80 Prozent davon reiner Transitverkehr. Lärm und Abgase befeuern Proteste von Initiativen wie dem Transitforum Austria ‑ Tirol. Parallel steigt der Sanierungsdruck: Seit Anfang 2025 wird die marode Luegbrücke erneuert, weitere Großprojekte an Europabrücke und Sillviadukten sind angekündigt.
